Die Szene in der wir uns bewegen ist lebendig und ständig kommen neue Kids dazu, die das ganze am Leben erhalten und in die nächste Generation tragen. Hier wollen wir allerdings die alten Hasen vor die Linse holen und in unserer neuen Rubrik „Berlin OGs“ featuren. Es handelt sich hierbei um Persönlichkeiten, die schon ewig und tief in der Szene verwurzelt sind und meist auf einen großen kreativen Output zurückblicken können.
Den Anfang dieser losen Reihe macht Vartan Bassil, Gründer der weltweit bekannten Breakdance Crew „Flying Steps“. Lest, was er so über sich zu erzählen hat:

Hallo Vartan, stell dich doch mal bitte vor!
Ich bin Vartan Bassil,  CEO und Creative Director der Flying Steps Entertainment GmbH. Mittlerweile ist es eine GmbH, angefangen haben wir damit aber als Hobby, haben an vielen Breakdance Wettbewerben teilgenommen, sind durch ganz Europa gereist, haben Musikprojekte gemacht, haben mittlerweile eine eigene Tanzschule und haben zwei ganz große Produktionen mit Red Bull.
Ich bin 42 Jahre alt und kann sagen, ich bin seit Anfang der 90er in der HipHop Szene. Ich mein, ich habe vorher auch schon so ein bisschen angefangen mit HipHop, aber das waren so MC Hammer Zeiten. Das kann man nicht so richtig als HipHop bezeichnen, hahaha
. Ich bin in Berlin groß geworden- damals noch West Berlin, wo noch die Mauer war. Ich kann mich auch noch an die richtige Graffiti Zeit erinnern und die ganzen Mauer-Sprüher und das alles, die ganzen Gangs.

Du bist im Libanon geboren, richtig?
Genau, ich bin im Libanon geboren und bin 1982 mit 7 Jahren mit meiner Familie aus dem Bürgerkrieg hergezogen. Eigentlich bin ich auch ein Flüchtling, was als Thema heute natürlich sehr gut passt, bin aber zu 100% integriert und schaffe Arbeitsplätze auch für deutsche Mitbürger, hahaha!

Erzähl mal etwas zu den Flying Steps!
Flying Steps wurde 1993 gegründet, als wir mit ein paar Kumpels zusammen gebreakt haben. Mit Breakdance hat es bei mir damals angefangen mit Filmen wie Beat Street, Breakin‘, Wild Style. Das waren so die Filme, die du dir angeguckt hast und gedacht hast „Boah krass was ist denn das, das willst du unbedingt nachmachen“ . Dann hab ich das irgendwie probiert, aber es hat nicht so geklappt, wie ich mir das gewünscht hätte und dachte so, „ok, das ist  ein Kameratrick, das ist irgendein Fake, die haben da irgendwas in der Postproduction nachgeholfen“. Ich bin planlos durch Berlin getigert und dann gab’s irgendwann am Nauener Platz im Haus der Jugend ne Party. Da bin ich hingegangen und da hieß es, es kommen Breakdancer und ich dachte so „hm Breakdancer?“. Aber dann kamen wirklich die ‚City Rockers‘. Das war damals in Berlin eigentlich so DIE Gruppe gewesen – wobei was heißt „DIE“, da gab es auch noch ‚Tod durch Breakdance‘ mit Kai Eickermann und so – aber eigentlich war das so die erste Gruppe, die ich je gesehen habe. Die haben vor meinen Augen dann ihre Show gestartet und auf einmal habe ich dann diesen Windmill gesehen und ich dachte „Woah Alter, den gibt’s ja wirklich“ und eigentlich habe ich ab dem Moment angefangen, das war direkt Genau am Anfang der 90er. Da hab ich angefangen mit Breakdance – da gab’s dann auch den Amigo und so – und dann haben wir uns alle zusammen getan und haben zusammen im Jugendklub angefangen zu trainieren. Durch dieses gemeinsame trainieren und den Kontakt, der zu den City Rockers entstanden ist, haben diese uns auch in deren Jugendklub eingeladen. Das war damals in Schöneberg – ich glaube der hieß Lush – und da haben wir dann auch Kai Eickermann kennen gelernt. Und durch Kai Eickermann haben wir dann irgendwann Storm kennen gelernt, das war Anfang ’92,  und dann hieß es immer „ey, das hat voll Spaß gemacht, lass und mal nen Gruppennamen finden“. Weil wir zu viert waren, wollten wir uns zuerst ‚The Friends‘ nennen, aber das war nicht so der coole Name. Die anderen hießen ‚Battle Squad‘, ‚Tod durch Breakdance‘ und so und wir so ‚The Friends‘. Also wollten wir nen verrückten Namen nehmen: Crazy Force Crew. Aber da meinte jemand zu uns „Jungs, die gibt es doch schon in der Schweiz“. Und dann kam Arsem von den City Rockers: „Wisst ihr was Jungs? Ich lasse mir einen coolen Namen für euch einfallen!“. Das war so Ende ’92. Wir haben dann so nach ner Woche gefragt, ob er einen hat und er meinte „ja, ich habe schon mit meinen Jungs gesprochen, wir haben voll den coolen Namen für euch, müssen aber noch überlegen, ob wir das auf deutsch oder englisch machen.“ Wir waren dann schon voll gespannt und er meinte weiter „wir haben nächste Woche im Lush ne Jam und dann sage ich euch mit dem Namen an!“.

Als Überraschung?
Als Überraschung! Wir dachten dann auch so „Alter, der macht es ja spannend“ und dann ne Woche später hat er uns kurz vor der Show so angesagt: „Das sind meine Berliner Jungs“, „voll talentiert“, „voll die Verrückten“ und hat so ein bisschen erzählt, unsere Beine wären voll wild, immer zappelig, berühren nie den Boden. „Das sind die Flying Steps!“. Und wir so „Flying Steps? Was ist denn das für ein Name“ und sind halt raus und haben ein bisschen getanzt und danach so „ey wieso Flying Steps? Der Name ist voll soft. Haste keinen anderen Namen? Die anderen haben alle voll krasse Namen“. Destroyer, Second to None, Enemy Squad und wir mit so nem Namen und er so „nein, glaub mir, Flying Steps ist cool“. Da waren wir uns nicht so sicher und haben angefangen, mit dem Namen herumzuspielen. Amigo mochte es immer, mit der Schriftweise zu spielen und hat dann solche Sachen probiert, wie ‚Fly’N Steps‘ aber wir haben dann gemerkt, dass solche Spielereien nichts sind und haben uns drauf geeinigt, bei dem Namen zu bleiben und hießen dann ab ’93 offiziell so. Wir haben zwar immer wieder nach anderen Namen gesucht, aber sind dann doch bei Flying Steps geblieben. So hat es bei uns angefangen.
Ja und eigentlich war bei uns damals das Ziel, so viel Wettbewerbe mitzunehmen, wie es geht, denn das hat am meisten Spaß gemacht. Das war ja auch das einzige, was es gab. Es gab ja nicht dieses „wir treten irgendwo auf, weil die Nachfrage so groß ist“, sondern es war eher so „wo sind die ganzen Jams?“ und sind dann eben immer zu den ganzen Jams gefahren.

Wie war das eigentlich Ende der 80er bei euch so Klamotten-/Fashion mäßig?
Ich weiß noch, vor den 90er Jahren war die Mode schrecklich. Da gab es die ‚Fat Boys‘, so überbreite Hosen, aber die 90er Jahre waren eher darauf ausgerichtet, was die in Amerika angezogen haben. Eigentlich haben wir uns das von den Filmen abgeguckt. Die ganzen Trainingsanzüge von adidas oder Puma, die Superstars, die Puma Clydes mit den Fat Laces. Das war damals eigentlich so die Mode. Käppi schräg tragen und am besten noch, wenn du besonders cool aussehen willst, Mocknecks anziehen –  die hat Storm damals aus New York mitgebracht und waren damals voll der Hype. Jeder wollte Mocknecks anziehen.

Das war ja auch praktisch gedacht, genau wie bei den Schuhen, oder? Die durften ja nicht so schnell kaputt gehen.
Ey, die Schuhe haben das gut ausgehalten damals, das war nicht so das Problem. Ich glaube, es war damals schon eher die Attitude, zu den passenden Sneakern die passenden Klamotten anzuziehen und es wurde alles aufeinander abgestimmt. Du musstest dich ja auch irgendwie diesem Lifestyle, der ja da war, anpassen. Du hast ja damals auch immer schnell erkannt „ok, das ist ein HipHopper“. Aber irgendwann hattest du das Problem, dass beim Techno die Leute auch darauf abgegangen sind und du nicht mehr wusstest, ist das ein HipHopper oder ein Techno-Hörer. Anfang der 90er, wo das mit der Love Parade losging, war dann irgendwann alles durcheinander. Aber das war damals eigentlich so die Mode, spezielle Trainigsanzüge und Mocknecks. So sind wir damals zum Battle Of The Year gegangen, in adidas Trainigshosen und alle verschiedene Mocknecks an. Das war so einer der beliebtesten Oberteile für B-Boys. Oder so ein Trainingsanzug aus Nylon zum Drehen, wo die Reibung geringer ist.

Ich kann mich bei dir z.B. noch erinnern, dass du immer ein weißes Shirt anhattest, was unter einem dunkleren herausschaut hat.
Ja, Shirts hatten wir natürlich auch immer, da wir da unsere Namen drauf drucken lassen konnten. Das Naming war ja auch immer ganz wichtig, da haben wir immer die Gruppennamen oder jeder seinen Namen drauf gedruckt. Das hat dann jeder gemacht. Dann gab’s noch lustigerweise diese kurze Mode ’92 mit den Mützen, die so hoch guckten und so zugeschnürt waren. Das kam wie aus dem Nichts und da haben sich die Leute T-Shirts um den Kopf gebunden und oben einen Knoten reingemacht und dann hing der da wie so ein Zipfel. Aber das war, glaub ich, mehr in Europa. In Europa haben wir damit angefangen und in Amerika hat’s aufgehört. Europa war dann mit Frankreich und England auf einmal führend im Tanzen und B-Boying . Anfang der 90er bis ’95 ist hier in Europa der Boom im Breakdance ausgebrochen und dann haben sich die Amerikaner wieder angesteckt. Denn dort ist Ende der 80er nichts mehr passiert und ist erst dann rüber geschwappt. Und dann hatte ich der Erinnerung, dass die alle nach Europa geguckt haben zum Battle Of The Year. Der Battle Of The Year war so die neue Meisterschaft, wo sich alle treffen – außer die Amerikaner, die waren nicht da. Die kamen das erste Mal mit ner richtigen Crew – Style Elements – 1997.

’95 waren schon Phase Two da, ne?
Genau, Face Two waren auch da, stimmt. Aber die kamen und haben sich mit Funky Großangriff zusammen getan. War das nicht so?

Beim BOTY? Nee, die haben Kamel mitgebracht!
Ja, aber haben die mitgemacht?

Ja, die haben mitgemacht!
’95 weiß ich nicht, aber ich weiß, dass Funky Großangriff sich da mit irgendwem zusammengetan hat, die haben sich irgendwen mit ins Boot genommen und haben die deutsche Meisterschaft gewonnen, aber international sind die nicht weitergekommen.

Kanns sein. Hatten die nicht Tron mit reingenommen?
Stimmt, das war ’95! Du meinst mit ‚Out of Control‘! ‚Out of Control‘ hatte diesen Popper mit reingenommen, das war ’95. ’96 war mit Funky Großangriff, stimmt. Und ’97 war mit Style Elements!

Und sag mal, du hast ja nun auch… ein paar Turnschuhe. Hast du da eine Erklärung für?
Auf jeden Fall ne richtig bescheuerte Erklärung, haha. Ich hatte ja damals in meiner Gegend, wo ich groß geworden bin, ne Menge Schulfreunde und auch so Freunde, mit denen ich immer gespielt hatte. Aber im Wedding hab ich immer gebreakt und in Reinickendorf hab ich dann immer mit meinen Nachbarn abgehangen und die wurden immer älter und ich wurde immer älter und die haben alle angefangen, Streetbasketball zu spielen. Und ich kann mich erinnern, das muss so ’92 gewesen sein, da haben die mich in den Sommerferien immer mitgenommen – in den Sommerferien waren die meisten eh unterwegs und im Urlaub, da war es auch beim Breakdance ein bisschen ruhiger – und wir waren dann immer viel Basketball spielen. Und dann haben die angefangen zu erzählen von Michael Jordan, der krasseste Spieler der Welt, bla bla und hier guck mal, ich habe die Jordans. Zu dem Zeitpunkt kam gerade der 7er raus, die haben aber alle vom 6er geredet. Vom 5er und 6er, das waren für die so die Jordans. Den 4er gab es da schon lange nicht mehr, aber ein Jahr zuvor kam ja noch der 6er raus. Und dann meinten die immer so zum Scherz zu mir „wenn du nen Jordan Schuh anhast, den 6er, springst du 7cm höher“. Ich wollte immer dunken, hab’s aber nicht geschafft und die Jungs haben mich immer aufgezogen, dass ich mit den Jordans 7cm höher springen würde. So kam es, dass ich damals einen Freund hatte – der hieß Ilker – der auch Basketballfanatiker aber auch so Schuhfanatiker war und der auch noch bei Footlocker gearbeitet hat. Und der meinte, in der Türkei gäbe es noch den Jordan 6er. Und er hat sich jedes Jahr ein Paar mitgebracht und mir dann auch ein Paar mitgebracht. Ich hatte damals noch die Größe 42 gehabt und dann hat er mir das eine Jahr ne 42 mitgebracht. Im nächsten Jahr hatte ich schon fast ne 42.5 und als er nochmal für mich geschaut hat, meinte er, dass es keine 42.5 gäbe. Meine waren halt schon voll eng und hab gar nicht mehr so richtig reingepasst. Aber ich habe gemerkt, dass die Leute da voll drauf geachtet haben, auf einmal war der Jordan 6er für alle voll der beliebte Schuh, aber irgendwann war der dann weg.

Aber der war doch auch ganz schön teuer. 270 DM, oder war der vom türkischen Markt?
Nee, das war ein 100% Originaler, zu dem Zeitpunkt gab es noch keine gefälschten Jordan, da hat sich noch keiner für interessiert. Die normalen haben sie schon nicht verkaufen können, das ist ja das verrückte.

Der 6er war richtig teuer. Ich habe den einen von 2000 und da ist ein Pricetag dran, wo 270 DM drauf steht.
Ja man, das waren 270 D-Mark, genau. Aber das war auch der 2000er. Ich glaube, der war damals noch ein bisschen günstiger, ich glaube 180-200 Mark damals. Auf jeden Fall war das dann irgendwann vorbei, man hat keine Jordan 6er mehr bekommen und dann kamen die 7er, 8er usw und davon hab ich auch immer mal wieder welche geholt, aber die waren nicht so geil wie der 6er. Alle haben immer über den 5er und den 6er gesprochen – und über den 4er. Das waren so die beliebtesten in dem Zeitraum. Die 1er waren in dem Moment nicht mehr so beliebt und dann – das war so ’97, da hatten wir auch schon viel mit Storm gemacht, auch das Storm & Jazzy Project – hatten wir nen Gig in Japan. Und da meinten meine Freunde zu mir „Vatan, in Japan, da sind richtige Sneakerfreaks. Vielleicht wirst du da sogar geile 5er oder 6er Jordan finden.“ Ich dann so „ach, meint ihr wirklich?“ und die alle so „ja man, Japan, das sind Psychopathen“. Die lieben Originalität.  Und dann bin ich echt nach Japan gegangen und habe angefangen, da jeden verrückt zu machen „Ey, gibt’s hier nen Sneakerladen?“ „Wo gibt’s hier so teure Jordans?“ usw. Und da gab’s mal diesen Puma mit dem Auge und den ohne Auge – haben sie mal erzählt – und Storm hatte nen Puma, da war noch das Auge vom Puma drin, also man hat da so ein Auge erkannt und die sind da steil gegangen auf diesen Puma von Storm. Und Storm meinte so „hier, könnt ihr haben, ist mir egal“ und die sind ausgeklinkt wegen dem Schuh. Und da haste schon gemerkt, die achten auf alle Details, Originalität und was Retro ist und was weiß ich. Ok, auf jeden Fall habe ich mich da mit denen unterhalten und da meinte jemand, da gibt’s nen Laden, da soll ich mal schauen. Und dann war ich irgendwann in dem Laden und da biste reingekommen und da war ein Regal, aber mit schon getragenen Schuhen. Und da war auf einmal auch so ein Jordan 3er und 4er, aber auch schon ein bisschen gecrackt und getragen. Und dann schaue ich mir die 4er an, halt schon gecrackt und getragen und gucke auf den Preis und der lag da schon so bei 400 Mark. Ich so „Alter, Übertreiber… 400 Mark für getragene Schuhe, würde ich niemals kaufen“ war aber auch eh nicht so interessiert an dem 4er und bin dann so um die Ecke gegangen und auf einmal waren da so Trikots, von Michael Jordan unterschrieben und da gehste weiter und auf einmal war da so ne Vitrine und da waren so die 5er und die 6er Infrared. Und ich dachte so „Alter, die haben die 6er Infrared? Wenn ich die jetzt hole und zurück in meine Hood gehe…. “ und dann gucke ich so auf den Preis – ist ja alles in Yen – und ich so „800 Mark?? Krass, was ist denn das für ein Preis?“. Das war dann auch noch meine Größe und ich so überlegt „soll ich den holen? Dann ist mein ganze Geld weg“ – das war einfach zu viel Geld zu dem Zeitpunkt – und ich so „kannste mal den Schlüssel holen? Ich möchte mir den gerne mal anschauen, vielleicht kaufe ich den“. Der Typ geht also los, den Schlüssel holen und ich hol so meinen Taschenrechner raus und rechne nochmal nach: 8.000 Mark! Das kann nicht sein.. nochmal… ey, die wollten 8.000 Mark dafür haben. Ich so „was ist denn das?“. Und damals gab es ja keine Retros, da war ja gar nicht abzusehen, dass irgendwelche colourways noch mal rauskommen. OGs waren OGs. Und ich so „fuck alter, vergiss es Junge, lass das Ding mal in der Vitrine“ und bin rausgegangen und dachte so „was ein Scheiß, ich Idiot, hätte ich die damals behalten, die mein Freund mir mitgebracht hat, hätte ich gar nicht tragen dürfen“. Und da haste gemerkt, dass Leute bereit waren, für original Sneaker ne Menge Geld auf den Tisch zu packen und dass dieses Sachen nicht mehr zu bekommen einen extremen Wert erhält. Und dann kam ja irgendwann schon der 11er raus, warte mal… das war ’96, da war der Hype auf den 11er und alle dachten, das geht immer so weiter und die anderen werden gar nicht mehr kommen. Auf jeden Fall war das Thema für mich so gegessen und ich wusste alles klar, ich muss ab jetzt acht geben. Dann war klar, ok ich muss mir den 11er holen, den pack ich weg. Also einen zweiten, weil man wusste, das ist ein geiler Schuh. Und so habe ich zu dem Zeitpunkt ein paar Sneaker gesammelt und dann kam das Jahr ’99 und dann kam der Retro 4er raus. Und alle voll happy, „boah der 4er“ und so und es war klar, davon holste dir auch zwei Paar. Du wusstest, ein Paar packste weg, denn es war nicht klar, ob die den je wieder raus bringen. Und es ging nicht darum, den zu verkaufen, sondern den zu tragen und irgendwann mal wieder einen zu tragen, weil du die Schuhe so geil findest.
Und dann kam 2000 der 6er wieder raus. Und da hab ich angefangen, so ein bisschen zu sammeln, aber es war noch nicht viel und war auf diese Modelle beschränkt. Denn alles, was nach dem 11er kam – ok, der 12er war noch ganz cool – war nicht mehr so interessant. Die Schuhe wurden immer uncooler, immer performancelastiger und spaciger. Lifestylemäßig konneste damit nicht mehr so viel anfangen. Und dann kam irgendwann die Retrozeit und ich habe gedacht „was sollste die sammeln, die kommen ja eh wieder alle raus“. Ich hab dann auch nicht mehr gesammelt und das ganze ist stagniert und irgendwann habe ich meine Sammlung wieder verkauft. Ich habe so 20 Paar Schuhe gehabt, alle ungetragen, die habe ich dann weggehauen und habe mich danach aber extrem geärgert. Ich dachte nur „Fuck, was haste gemacht, du Idiot“. Da warste genervt, weil alles wieder rausgekommen ist und du alles wieder kaufen konntest, aber andererseits hast du die trotzdem nicht bekommen. Und dann haste gemerkt „scheiße, dann musste den Schuh wieder kaufen und das kostet doppelt oder dreimal so viel“. Dann war klar, ich werde immer ein paar Schuhe sammeln, die wegpacken und auch sorgfältig mit umgehen und nur zu bestimmten Anlässen anziehen.  Irgendwann wurde es dann immer mehr und mehr und mehr. In der Zeit war es auch einfacher, die Schuhe zu bekommen. Irgendwann, ich glaube so ab dem Jahr 2010, hatte ich das Gefühl, das ein riesen Hype um diese Jordan entstanden ist. Da gab’s dann diese Special Releases, die Leute haben angefangen, vor der Läden zu campen und dann ging das auch los mit anderen Schuhmarken, war ja nicht nur so bei Jordans. Und dann haben die Leute angefangen, daraus Kapital zu schlagen und haben sich gedacht, ey ich investiere in Schuhe und entweder behalte ich sie für später oder verkaufe sie gewinnbringend. Und dann kamen die Leute, die sich überhaupt nicht für die Schuhe interessieren, sondern die nur teuer weiterverkaufen wollten. Und heute ist das ein Geschäft, ein ganz klares Geschäft.
Das ist auf jeden Fall die Geschichte, wie ich zum Jordan sammeln gekommen bin.

So übern Daumen gepeilt, wieviele Schuhe hast du?
Ich habe sie wirklich noch nie gezählt, aber ich glaube, so um die 500 Paar habe ich.

Und fast alles Jordans?
Eigentlich alles Jordans, aber auch einige Yeezys habe ich mittlerweile, auch  Air Max – der Air Max 1 ist ein wunderbarer Schuh, den ich noch gerne trage. Sonst… adidas eigentlich nur aus einer kleinen Koorperation. adidas ist auch ein cooler Schuh, aber ich habe mich auf Jordan festgelegt weil… warte, andersherum: mein Lieblingsschuh von Jordan ist der Jordan 1er, weil der ne Form hat, die du zu allem anziehen kannst. Zu ner Jeans, nem Trainingsanzug, sogar zu nem Anzug – wobei das vom Material und colourway des Schuhs abhängt. Er ist einfach ein Klassiker, den kannst du zu jedem Anlass tragen. Auch bei adidas mit den UltraBoosts und NMDs und den Yeezys… klar, wunderbare tolle Schuhe und auch Puma und ASICS machen inzwischen schöne Schuhe aber ich habe irgendwann gesagt, ich beschränke mich auf eine Reihe.

Man wird ja schon bei 1er Jordans nicht fertig!
Ich habe auch nicht alles und habe irgendwann bewusst gesagt, alles kann man auch nicht haben, das ist ja unbezahlbar. Und das holst du dir eben die Sachen, die du mit gut Glück für einen fairen Preis bekommst. Du musst auch aufpassen, dass du die Sachen nicht so lange im Deadstock Zustand hältst denn sonst – besonders bei 3ern und 4er ist das so – cracken die. Und da habe ich solche Sachen, wo ich wusste, die werde ich nicht mehr tragen an Leute weitergegeben oder mit jemanden getauscht, wo ich wusste, dass die sie tragen – bevor sie komplett zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Aber was cool ist: ich habe noch nen Jordan 1er von 1985! Deadstock! Und das steht noch auf dem Karton drauf, dass der $64 gekostet hat. Das ist verrückt. Der Chicago.

So, Diggi… was verbindet dich mit OVERKILL?
Ich wohn ja nicht weit weg von OVERKILL, aber was ehrlich gesagt immer extrem nervt ist, dass man heutzutage ja gar keine Chance mehr hat, wenn ein Release ist. Du hast einfach keine Chance mehr. Natürlich wünsche ich mir, dass ich da irgendwelche Kontakte habe, dass man  irgendwie anders an die Schuhe herankommt. Aber mittlerweile ist es so, dass ich eigentlich mehr einen sehr guten Zugang zum Nike Store am Ku’damm, weil damals durch das Sponsoring der Mitarbeiter vom damaligen Nike Town sich Freundschaften gebildet haben. Und dann hat man vielleicht mal ein bisschen Glück, dass man mal einfacher an manche Sneaker rankommt. Man schließt halt Freundschaften dort, wo man ist und dann macht man sich keine Platte über andere Stores, aber natürlich ist OVERKILL auch für mich in Bezug auf die Menge an Sneaker, die da reinkommen unglaublich. Also man träumt eigentlich als Schuhsammler davon, so einen Laden zu haben, wo man sich nicht mehr anstellen müsste. Man arbeitet im Laden und könnte jeden Schuh bekommen, den man möchte. Ist natürlich geil. Also für Leute, die Schuhe sammeln oder gerne campen ist OVERKILL natürlich eine der besten Adressen weltweit.
Ich war auch schon ein paar Mal drin in dem Laden und die hatten damals – ich weiß nicht, ob das noch so ist – in der oberen Etage auch Klamotten angeboten. Da hab ich, wenn es mal ein bisschen ruhiger war, auch ein paar coole Klamotten geholt. Schuhe, muss ich ganz ehrlich sagen, habe ich nie geholt. Wenn es kein special Release ist bekommst du da ja auch nur die Schuhe, die es woanders auch gibt. Ich finde es aber gut, wie die das aufgezogen haben. Man merkt, dass das Leute sind, die das nicht wie eine Firma machen, sondern aus ner Leidenschaft und das ist das beste. Das ist authentisch, weil das Leute sind, die sich selber sehr viel mit Turnschuhen oder auch Klamotten auch auch mit Sprayen auseinandersetzen. Du nimmst denen das ab, dass da Liebe und eine Leidenschaft dahinter steckt und nur so kannst du auch nachhaltig etwas erschaffen. Und die scheinen auch Ahnung davon zu haben, was sie so in den Store reinholen und was ihn dann weltweit so attraktiv macht. Die haben das richtige Auge, den richtigen Geschmack und das Gespür dafür, welcher Sneaker wie gut bei denen reinpasst und ich glaube, deswegen ist er so beliebt.
Aber mal eine andere Sache: ich glaube, der eine von OVERKILL hat hier mal in diesem Haus gewohnt. Ist mir mal gesagt worden.

Ja, Marc, der Chef. Der wohnte mal hier draußen, ist dann aber glaube ich umgezogen, weil das zu weit ab vom Schuß war.
Ich selber wusste das nicht, aber MC Fitti meinte das zu mir.

Der wohnt auch hier?
Ja, der wohnt auch in dem Haus.

Was ist denn das für ein Haus. Sieht von draußen auch ganz schön repräsentativ aus.
Ja, das ist aber nach mehr aus, als es ist. Das ist ne ganz normale Wohnung, man halt nur den Concierge unten. Die, die das Haus gebaut haben, bauen sonst Hotels, deshalb sieht das auch so ein bisschen aus wie eins.

Da hätten Marc und du euch mal connecten sollen!
Haha, hab ich auch gedacht. „Ah geil, endlich mal einer von OVERKILL bei mir im Haus! Perfekt! Jackpot!“ Und dann heißt es „ist nicht mehr da“. Aber scheiß drauf. Ich bin auch nicht einer, der sich bei Leuten einschleimt, um Schuhe zu bekommen. Das mach ich auf keinen Fall, das ist mir zu blöd. Wenn sich eine Freundschaft entwickelt, ist das cool, aber ey… wenn nicht, dann nicht. Hallo? Es sind Schuhe! Und ich glaube, man kommt immer an Sneaker ran.

Wenn du dich festlegen müsstest, was wären deine drei Lieblingsschuhe?
Also drei Sneaker ist ein bisschen schwierig, aber auf jeden Fall würde ich sagen, der Jordan 1er Chicago. Fragment ist natürlich der King! Der hat das alles für mich gesprengt. Der ist einer meiner Lieblingsschuhe. Den kannst du wirklich zu allem tragen und sieht immer geil aus. Und dann würde ich sagen… der 3er Black Cement. Das ist auch einer, den ich extrem feier. Ich hoffe der kommt jetzt bald raus mit dem Nike Air, dann ist er Bombe. Ich habe den da mit  Jumpman, den White Cement auch. Das sind so für mich DIE drei Schuhe so vom colourway. Den 3er trage ich sonst nicht mehr so. Aber dann sind da auch noch die 4er und 6er. Da war es für mich natürlich der Infrared. Aber ich habe das Gefühl, die haben was verändert an der Form und an dem Stoff.

Ja, der letzte 6er Infrared…
Der ist ne Katastrophe! Das ist kein infrared.

Das soll aber das original infrared sein.
Aber der Stoff ist aber auch nicht mehr so.
Das Problem ist aber auch, je älter du wirst, desto mehr ändert sich auch der Lifestyle und das, was die Leute da draußen tragen. Du hast manchmal das Gefühl, du trägst nen Schuh, der eigentlich nicht so bequem ist, wie die heutigen Schuhe. Wenn du UltraBOOST trägst, gehst du ja wie auf Wolken. Dann gibt’s natürlich auch die Air Max 97er mittlerweile auch wieder. Ich glaube, Mode kommt und geht, aber einige Klassiker bleiben, die dann einige Jahrzehnte locker überstehen. Dazu zählt für mich der Jordan 1er, der wird für mich nie aufhören und deshalb ist das einer meiner Lieblingsschuhe. Und die anderen beiden kommen und gehen. Irgendwann wird wieder der 4er Boom ausbrechen, in fünf, sechs Jahren, wenn die anderen die Schnauze voll haben von den ganzen anderen neuen Erfindungen von Sneakern. Ich glaub das zu 100%. Das war bei Jordans auch so, ne zeitlang sind die gegangen wie geschnitten Brot, dann sind die Preise wieder gedroppt. Was ja dann gut für uns ist. Ein, zwei Jahre, dann ist wieder der Hype da.

Danke für deine Zeit und das Interview Vartan!