‘Enfant Terrible’ und ‘Provokateur’ hat man in seinen Anfangstage häufig über den deutschen Designer Patrick Mohr gelesen. Dazu beigetragen hat sein Auftreten als “Paradiesvogel” im sonst so biederen München, aber auch die Tatsache, dass er auf diversen Fashionweeks in Berlin statt der handelsüblichen Models lieber Obdachlose, Bodybuilder oder Rollstuhlfahrer seine Kollektionen hat präsentieren lassen, bescherte ihm auch innerhalb der sonst so liberalen Modebranche den Status eines Sonderlings. Dabei ist die Intention glasklar und vor allem mehr als ehrenwert: jeder Mensch ist gleich, egal ob Mann oder Frau, groß oder klein, arm oder reich.

Mit der Veröffentlichung der MK-Serie in Zusammenarbeit mit  K1X und Christian Grosse wurde Patrick Mohr auch in der Sneaker-Szene bekannt. Im Jahr 2014 erlangte er mit der Veröffentlichung des MK5 in LA’s weltberühmten Store 424 internationale Bekanntheit und seitdem lieben auch Sportler wie Lewis Hamilton, DeMarcus Cousins sowie Musiker wie Swizz Beatz oder Future seine markanten Silhouetten. Patrick Mohr hat allerdings nicht vor, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, sondern ist stattdessen bestrebt, mit seinem neuesten Schuhdesign  kontinuierlich weiterzukommen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Das mündete in dem PATRICK MOHR ‚X‘ und dies zum Anlass nehmend, haben wir uns mit ihm getroffen, um  über den Schuh und darüber, ob ihm die Provokation immer noch wichtig ist zu sprechen.

Hallo Patrick, wie geht’s? Bist du schon aufgeregt, wegen des Releases von deinem Patrick Mohr ‚X‘ in ein paar Tagen?

Patrick Mohr: Hallo. Aufgeregt ist man immer, glaub ich. Es hat sich ja einiges getan und viel verändert in der letzten Zeit. Ich habe ja mit K1X die ganze Sache schon vor ein paar Jahren angefangen, bevor diese ganze Welle mit den Yeezys losging. Damals hätte auch keiner mit diesem Erfolg gerechnet, als das 2014 in L.A. bei 424 über Nacht durch die Decke ging. Jeder wollte den Schuh, auch alle Stars. Und keiner von uns wusste, was auf einmal los ist. Ich bin dem Chris von K1X auch sehr dankbar dafür, dass er mir damals die Möglichkeit gegeben hat. Ich bin ja eigentlich Modedesigner – habe ja auf der Esmod studiert und hier in Berlin auf der Fashionweek einige Shows mit Klamotten gemacht – und dann ging das mit den Schuhen los. Wir haben damit smart angefangen und am Anfang war das auch kein Erfolg. Und dann wie gesagt 2014: BAM! Danach haben wir noch ein paar Schühchen mehr gemacht, aber dann gab es später ein paar Diskrepanzen und Unstimmigkeiten zwischen uns, was letzten Endes dazu geführt hat, dass wir die Zusammenarbeit beendet haben. Und jetzt kommen wir unter eigenem Namen zurück.

War das für dich gleich klar, dass du damit weitermachen wirst?

Patrick Mohr: Auf jeden Fall! Es war nur noch nicht klar, wie und in welcher Art und Weise. Mein Design von damals war ja schon sehr stark und prägnant und wir haben das jetzt transformiert und weiterentwickelt, haben ein paar Kleinigkeiten verändert. Der Schuh ist jetzt Handmade in Italy und das ist jetzt ne ganz andere Nummer als damals mit K1X. Das merkst du schon, wenn du den Karton aufmachst und mal an dem Schuh riechst.

Ja stimmt, das war auch eine der ersten Sachen, die wir bei uns im Büro gemacht haben, als wie das Sample von dem Schuh bekommen haben. Wir haben auch direkt dran gerochen und der Schuh hat auch einen sehr wertigen Eindruck gemacht.

Patrick Mohr: Das war uns – und speziell auch mir – sehr wichtig, dass das in so eine Richtung geht, wo man den Schuh in die Hand nimmt und merkt, wieviel Liebe und Herz darin steckt. Und es ist auch wichtig, dass wir da ganz smart anfangen. Wirklich ganz exklusiv, ganz limitiert, nur ein paar Läden. Das ist der richtige Weg. Wir wollen auch gar nicht dieses Kommerz-Ding, dieses Überschwemmen des Marktes. Einerseits sind wir eh viel zu klein, aber selbst wenn wir so groß wären, fänd ich das gar nicht interessant. Lieber klein und fein und selektiv. Steck lieber in die eine Sache, die du machst ganz viel Liebe und alles rein. Deshalb auch nur eine Farbe, dieser eine Schuh, so nach dem Motto: Hier isser!

War es denn in dem Zusammenhang eine neue Herausforderung, diesen Schuh ohne einen so erfahrenen Turnschuhhersteller zu produzieren? Oder hast du aus der vergangenen Zusammenarbeit so viel mitgenommen, dass das kein Problem war?

Patrick Mohr: Nee, wir sind aber auch wirklich ein super Team, bei dem es Hand in Hand läuft. Da sind ganz, ganz tolle Leute, speziell die Alex(andra Preusche, Anm. d. Red.). Mit der hab ich schon sehr viel erlebt und an dieser Frau konnte ich auch ganz toll wachsen. Es ist wirklich ein ganz tolles Geschenk, mit dieser Frau zu arbeiten. Natürlich war es ne Herausforderung, das in Italien so umzusetzen. Wir haben ja auch eine ganz eigene Sohle gemacht – die ist komplett von uns. Das war uns ebenfalls wichtig, dass wir – wenn wir es machen – es auch richtig machen. Und da nehmen wir nicht irgendwelche fertigen Sohlen, sondern machen eine eigene. Klar, das ist erstmal teurer, aber das war uns eben wichtig. Der ganze Aufbau war schon sehr aufwändig.

Du hast ja auch schon für Buffalo einen Schuh designed!?

Patrick Mohr: Das läuft gerade. Die Kooperation wird gerade auf der Pitti Uomo in Florenz präsentiert. Die kommen somit bald raus

In dem Zusammenhang finde ich das Phänomen der ganzen Retrowellen interessant. 80er, 90er – ich habe das Gefühl, dass diese Wellen in immer kürzeren Abständen kommen. Was denkst du darüber? Ist das sinnvoll oder nur ein Aufkochen alter Sachen und somit eher unkreativ?

Patrick Mohr: Da ist ja jetzt so viel passiert. Da ist ja so eine Welle gekommen und jeder wollte da mit drauf springen. Ich mein, du auch hier eben mit der Helly Hansen Jacke…

Haha, ja ich bin da auch nicht frei von.

Patrick Mohr: Was mir da ganz stark auffällt ist Fila. Fila ist ja selbst bei den Kids groß, die jetzt so 17, 18 sind und die das von damals ja gar nicht mehr kennen. Das ist unglaublich. Ich find’s schön, dass das passiert und dass dann Marken wie Fila oder Champion oder Kappa wieder da sind.

Aber so aus der Sicht des Designers?

Patrick Mohr: Gut, es gibt ja im Fashion Segment die ganzen Kooperationen – Vetements hat ja z.B. was mit Champion gemacht, dann Gosha, Off White und und und. Natürlich ist so ein Pulli keine Innovation. Da kommt das Champion Logo drauf, darunter dann Vetements und das wars dann irgendwo. Innovationen sind das nicht. Aber man muss da unterscheiden. Es gibt da dieses gehypte Ding und dann noch diese Fashion Abteilung. Beim Gehypten dauert es auch nicht mehr lange, dann flacht es wieder ab und es kommt wieder etwas Neues. Ich find’s jetzt nicht schlimm. Ich finde es cool und gönne es diesen Marken wie Fila und Co., dass die jetzt nochmal ordentlich etwas schieben können, dass da etwas passiert und die der neuen Generation die Marke näherbringen können. Ich bin gerade mit der U-Bahn hergefahren und da waren so – wie alt mögen die gewesen sein, vielleicht 17 – Raver, so Techno Kids und da war ein Mädel dabei, die war wirklich höchstens 17. Die hatte den Buffalo an, aber nicht den von damals, sondern den, der jetzt wieder neu herauskam. Der, der limitiert war. Und die kennt den ja aus den 90ern gar nicht so, hatte den aber an und geht damit wahrscheinlich auch ins Berghain. Ist interessant, warum nicht!? In der ganzen Masse ist dieses 90er Revival einfach viel.

Sehe ich ähnlich. Ich finde es halt „einfach“. Man kann sich da an den alten bereits bestehenden Sachen bedienen, ohne großartig kreative Eigenleistung zu bringen. Aber es funktioniert und ist somit ja auch legitim.

Patrick Mohr: Es hat seine Berechtigung.

Kommen wir mal allgemein zur Fashionszene. Wie bewertest du den derzeitigen Status? Interessiert dich das überhaupt? Ich habe nämlich schon in älteren Interviews gelesen, dass du dir z.B. andere Shows gar nicht anschaust und es dir wichtiger ist, dein eigenes Ding zu machen.

Patrick Mohr: Also ich interessiere mich sehr stark dafür. Ich bin täglich im Netz. Instagram. Social Media. Jetzt gerade sind ja wieder die Fashion Weeks. Aktuell ist London, dann kommt die Pitti… man kennt ja den Fashionweek Kalender. Klar, ich bin da stark drin und werde auch die ein oder andere Fashionweek besuchen, jetzt mal abgesehen von Berlin, das steht ja auch vor der Tür. Es ist immer sehr interessant zu schauen: auf der einen Seite gibt es die etablierten Großen, dann gibt es die, die schon in bisschen dabei sind und immer wieder etwas neues zeigen und dann gibt’s die ganz Neuen. Das ist immer ganz spannend in London auf der Fashionweek zu sehen. Da kommen immer ganz neue dazu. Und dann gibt’s noch das eigentliche Spektakel, die Show vor der Show. Das, was auf der Straße passiert, wenn die Leute vor der Show warten oder von Show zu Show fahren und da fotografiert werden. Auch die ganzen Influencer, die sich fünfmal am Tag umziehen.

Das soll ja auf der Pitti ganz stark ausgeprägt sein.

Patrick Mohr: Oh ja. Die Pitti hat extrem zugelegt, die ist ganz weit oben.

Ich bin da selber bisher noch nicht gewesen, habe aber schon von einigen gehört, dass da ein extremes Schaulaufen ist.

Patrick Mohr: Ja, ich war da die letzten Jahre auch ein paarmal und die hat sich echt krass entwickelt. Die kannte erst irgendwie niemand und jetzt sind alle in Florenz. Da ist echt jeder. Selbst die Amis kommen auf einmal rüber nach Florenz. Aber wie gesagt, ich hole mir da auch viel Inspiration und schau da viel, tausche mich aus und bin teilweise vor Ort. Und das ist auch ganz wichtig. Du musst im Geschehen sein, du musst wissen, was passiert, dich informieren und im Flow sein.

Was hältst du denn von Berlin als Modemetropole? Es wird ja immer als die schlechteste und langweiligste Fashionweek gehandelt. Mercedes Benz ist ja jetzt auch aus der Fashion Week ausgestiegen, glaube ich!?

Patrick Mohr: Ja, die sind raus.

Wie siehst du die ganze Sache?

Patrick Mohr: Auf der einen Seite gibt es ja Berlin, die Stadt, die im Bereich der Mode bei dem, was sie zu bieten hat, wirklich ein Potential wie kaum eine andere vorweisen kann. Das ist unglaublich, das Potential ist auf jeden Fall da. Jetzt gibt es ja die Fashionweek schon eine Weile. Ich hatte meine erste Show 2009, da war das Zelt noch auf dem Bebelplatz. Da war das noch eine komplett andere Welt als jetzt. Ich kann mich noch erinnern, dass da z.B. Highsnobiety noch in den Anfängen war. Da gab es dieses Blogger-Ding noch nicht und alles war noch in den Startlöchern. Mit Instagram und so war es auch noch nicht so weit. Das hat sich alles mit der Zeit verändert. Aber um auf Berlin zurück zu kommen: ich habe das Gefühl, dass sich gerade so ein bisschen mehr tut, dass da gerade so ein Aufschwung ist. Es ist halt ein bisschen blöd, dass es da so ein paar Überschneidungen im Fashionkalender gibt, sprich mit Paris. Die wichtigen Buyer müssen natürlich nach Paris, weil da die wichtigeren Brands sind und kommen eben nicht nach Berlin. Die schauen natürlich, wer in Berlin ist und ob es sich lohnt. In Berlin hast du natürlich noch so Sachen wie die Seek oder natürlich die Premium. Die Anita (Tillmann, Anm. d. Red.) macht das grandios. Mit dem, was sie da in den letzten Jahren auf die Beine gestellt hat, zieht sie eine ganze Menge Leute an. Speziell die Seek hat wahnsinnig zugelegt. Ich finde, dass die Shows gar nicht mehr so interessant sind, sondern mehr das, was drumherum so passiert, wie eben z.B. die Seek. Also ich hab das Gefühl, da ist so ein leichter Aufschwung und ich stehe dem Ganzen positiv gegenüber. Ich glaube, da kann noch was passieren, wenn man das richtig angeht. Man muss mal schauen wie es ist, jetzt wo Mercedes Benz nicht mehr dabei ist. Das Zelt gibt es ja eh schon seit zwei Saisons nicht mehr und die Shows waren im Kaufhaus Jahndorf. Das heisst, man hat eh überwiegend nur noch Off Locations.

Was auch spannender ist, wie ich finde.

Patrick Mohr: Ja, natürlich. Das Zelt war schlimm. Gut, damals 2009, als ich meine erste Show und kein Geld hatte, haben die mich supported, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hatte alles zur Verfügung und das war natürlich ne gute Möglichkeit. Also: ich stehe Berlin positiv gegenüber und sehe einen kleinen Aufschwung.

Das finde ich gut, denn ich sehe auch das Potential und finde es schade, dass Berlin immer noch hinten dran ist.

Patrick Mohr: Man muss noch ganz kurz angehängt sagen, dass die kleinen Designer hier nicht viel bewegen können. Damit meine ich auch die regionalen, bzw Berliner Designer. Wenn aber auch mal ein paar Größere sagen, dass sie nach Berlin kommen – Hugo Boss war als einer der größten immer mal hier -, dann sind auf einmal mehr Augen auf Berlin gerichtet. Wenn es aber immer nur die Berliner Designer die man kennt – die das ja auch gut machen – sind, dann passiert da natürlich nichts. Oder auch bei den ganzen Events und Parties wäre es wichtig, wenn man da mal solche Leute wie Virgil (Abloh, Anm. d. Red.) zum Auflegen einlädt. Aber da haben wir gute Leute hier in der Stadt und da kann man echt etwas bewegen und da passiert etwas.

Kommen wir mal zu deiner Person. Wie jetzt schon häufiger gelesen habe, giltst du schon etwas länger als Provokateur und Enfant Terrible. Ist das ein Label, was dich nervt oder eher ein Freifahrtschein, tun zu können, was man möchte?

Patrick Mohr: Das waren im Grunde genommen die Anfänge, die erste Show hatte ich ja mit den Obdachlosen. Mir war das damals eigentlich gar nicht bewusst, was ich damit ausgelöst und bundesweit so eine Welle geschoben habe, mit BILD Zeitung, im Fernsehen und das alles. Klar, dann haste den Stempel gehabt und vielleicht hab ich das damals auch ein stückweit als Anerkennung für mich und mein Ego gebraucht. Es gilt ja in unserer Gesellschaft „du musst was leisten“, „du musst Erfolg haben, du musst was bringen“ und auf die Art und Weise habe ich vielleicht gezeigt, dass ich auch etwa kann. Und heutzutage – ich mein, ich bin jetzt 37 – bin ich erwachsener geworden, ich hab viel reflektiert und auch der Schuh hier und das, was heute an den Tag gelegt wird, ist unter dem Stempel „Provokation“ nicht mehr ausschlaggebend. Ich habe mich weiterentwickelt und die Marke ist erwachsen geworden.

Was können wir denn in Zukunft erwarten? Wirst du an dieser Schuhlinie weiterarbeiten, wird da noch mehr kommen? Wirst du vielleicht auch mal wieder Fashion machen?

Patrick Mohr: Also definitiv werden wir mit dem Schuh weitermachen. Da werden noch weitere und andere Silhouetten kommen. Da haben wir einiges vor und haben, wie ja schon gesagt, eine richtig gute Produktion am Start. Dann haben wir noch diese Sache mit Buffalo, wo auch noch einiges kommen wird. Ich bin sehr, sehr aufgeregt und gespannt auf die Sache mit Buffalo ist, weil es eine echt tolle Herausforderung und große Ehre ist, auf diese bekannte Wavesohle sozusagen mein Design drauf zu setzen.

Man kann also schon sagen, dass du dich erstmal ausschließlich auf Footwear spezialisierst.

Patrick Mohr: Ja, definitiv!

Hast du noch etwas, was du loswerden möchtest?

Patrick Mohr: Eins möchte ich noch erwähnen: so, wie der Schuh jetzt dasteht, denkt man im ersten Moment, dass er so ist, wie die, die ich mit K1X gemacht habe. Es ist aber definitiv eine Transformation und Weiterentwicklung. Es haben sich einige Features verändert und es gibt eine komplett neue Sohle. Ich mein, die K1X waren damals „Made in Thailand“ und das kannst du einfach nicht vergleichen. Der sitzt auch ganz anders. Wir haben den hier auch bewusst ein bisschen fashionlastiger, ein bisschen spitzer gemacht. Du kannst nen Schuh vorne ja ganz rund machen oder andere verschiedene Formen wählen. Und den wollte ich eben ein bisschen spitzer haben, damit er fashionlastiger ist. K1X ist ja auch eigentlich eine Basketballbrand und die, die wir damals gemacht haben, waren ein bisschen klobiger. Der hier passt sich ergonomisch auch gut an den Fuß an.

Wie ein guter Lederschuh das auch machen sollte.

Patrick Mohr: Ja, genau.

Ok, das wars. Ich danke dir für das Interview, Patrick!

Patrick Mohr: Ich danke dir!