Luvre47 aus dem Süden von Neukölln zählt derzeit als einer der interessantesten Berliner Newcomer im Rap Game. Im Untergrund hat er sich schon längst einen Namen gemacht und das liegt nicht nur an seinen beiden starken EPs, sondern auch daran, dass er stark in der Graffiti-Szene verwurzelt ist. Wie in diesem Zusammenhang seine Connection zu Overkill ist, wollten wir in einem Interview herausfinden. Natürlich haben wir auch über seine Musik und – wie kann es anders sein – über Turnschuhe geredet.

Hallo. Erzähl uns doch mal ein bisschen über deinen Werdegang. Wann und wie bist du zum Rappen gekommen?

Also mit Rap befasst und Texte geschrieben habe ich schon deutlich früher, als dass ich Sachen aufgenommen habe. Das erste Mal was aufgenommen habe ich dann so im Jahr 2013. Ein Kumpel von uns hat in nem Jugendclub am Ostkreuz gearbeitet, im Melock(?) und gab es ein Studio, das leer stand. Also da stand schon Gerätschaft drin und es gab nen Typen, der sich zwar dahinter geklemmt, aber niemanden, der das genutzt hat. Wir sind da dann einfach mal hin, auch wenn wir natürlich nicht mehr die Zielgruppe eines Jugendclubs waren. Da das aber eh leer stand, haben wir da auch keinem etwas weggenommen. Ja und dann haben wir da ein bisschen Musik gemacht, aber das ging erstmal nur im Freundeskreis herum. Ich war hart dagegen, dass das an die Öffentlichkeit kommt – einfach aufgrund von Selbstreflektion. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Tracks scheiße waren. Die waren auf  schon auf nem gewissen Level, aber das musste trotzdem nicht sein. Mein Freundeskreis hat dann letztendlich mehr oder weniger gesagt „mach mal jetzt“. Aber Ich habe die ja in der Musik auch in sehr großem Maß widergespiegelt. Und das war letztendlich so der Ausschlag gebende Punkt.

Wie ich in anderen Interviews bereits gelesen habe, wehrst du dich so ein bisschen dagegen, in Schubladen gesteckt zu werden. Aber man verbindet dich ja schon mit Graffiti Rap, weil du das ja auch viel thematisierst. Wie würdest du denn selber bezeichnen, was du machst?

Einfach Mucke. Ich glaube, den Struggle hat ja jeder Musiker, der sich gegen seine Schublade wehrt. Das ist ja nicht unüblich. Es ist halt so, dass – wenn du in eine Schublade gesteckt wirst – andere Sachen direkt ausgegrenzt werden. Gerade im Deutschrap. Und dagegen möchte ich mich auf jeden Fall vehement wehren. Natürlich ist Graffiti ein großer Bestandteil meiner Musik, weil es halt auch ein riesiger Teil von meinem Leben ist. Ich mache Mukke über mein Leben, meinen Alltag, so wie es eigentlich 90% der Leute machen oder machen sollten. Und dementsprechend ist das gerade auch der Mittelpunkt meiner Musik, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass ich Graffiti Rap mache.

Du tust also auch nix aktiv dafür, ein anderes Image zu bekommen?

Nee, gar nicht. Ich muss mir jetzt auch nicht irgendwelche Sachen einfallen lassen, um ein anderes Markenzeichen zu bekommen. Wenn sich diese Ansichten von außen ändern, soll das einfach natürlich passieren.

Also ist es dir schon wichtig, dass alles authentisch ist?

Genau. Ich verschließe mich nicht davor, will aber diese Schublade auch nicht für mich beanspruchen.

Du kommst aus der Gropiussiedlung. Inwiefern hat das Einfluss auf deinen kreativen Prozess und deinen Workflow?

Na, komplett, denke ich mal. Wo du herkommst prägt dich ja generell. Wie du dich nach außen verhältst, wie deine Möglichkeiten sind und dementsprechend euphorisch oder frustriert geht man auch an sein Werk. Das ist schon ein Faktor, der einen im kreativen Prozess beeinflusst. Ich kann jetzt nicht sagen, in welchem Maße. Man hat ja auch noch andere Einflüsse. Ich habe das schon in nem anderen Interview gesagt: bei uns sieht man die Welt vielleicht noch ein bisschen anders als 15km weiter oben Richtung Stadtmitte. Der Überfluss an Touristen und Yuppies und so ist hier noch nicht so hart gegeben, aber wir chillen ja auch nicht 24/7 bei uns am Block. Nord-Neukölln ist für uns genauso unser Zuhause du da hast du auch diesen Überfluss des Grauens.  Ich habe mal Richardstraße gewohnt…. Katastophe! (lacht). Wenn du da nach nem halben Jahr langläufst, sieht nichts mehr aus wie vorher. Da überholt schon die zweite Yuppie-Generation die erste. Und das ist einfach Müll! Gerade wenn du so als junger Mensch mit wenig Mitteln in diesem Prozess der Wohnungssuche bist und versuchst, Wohnraum zu bekommen. Du kannst einfach nicht in deinem sozialen Umfeld und da, wo deine Freunde wohnen bleiben. Das sind so die Punkte, die sich dann so widerspiegeln.

Mitte Dezember ist deine zweite EP „No Face, No Name“ herausgekommen. Wie läuft es bisher damit? Bist du zufrieden?

Auf jeden Fall! Dadurch, dass wir viel selber machen und so auch ganz gut einschätzen können, wo wir stehen, können wir schon sagen, dass es sich bei dem, was gerade so passiert um einen großen Erfolg handelt. Vor allem, wenn man zurückschaut, seit wann wir das erst ernsthaft betreiben.

Hast du denn damit gerechnet, dass das so einschlägt? Im Moment ist ja eh relativ viel Wirbel um deine Person, giltst so ein bisschen als Underground-Shootingstar, warst Newcomer des Monats in der Backspin. Hättest du vor nem Jahr gedacht, dass du jetzt schon so weit sein wirst?

Naja, kommt darauf an, wie weit man dieses aktuelle „weit“ definiert.

Fühlt es sich denn für dich weit an?

Also es fühlt sich definitiv deutlich weiter an, als da, wo ich noch vor nem Jahr war und ich feier das auch hart, dass es so gekommen ist. Ob ich damit gerechnet hätte? Ich weiß es nicht. Ich hätte nicht abgesprochen, dass die Qualität dafür da ist, also dass man schon darüber könnte. Aber ich hätte es ein bisschen hochnäsig gefunden, davor schon zu sagen, dass das DER neue Shit wird, den alle hören sollen. So bin ich auch einfach nicht. Ich renne nicht in die Welt hinaus und sage, das ist mein neuer Scheiß, du musst das hören, du musst das hören und du musst das hören. Ich schaue einfach, was passiert und darauf basierend auf meiner Selbsteinschätzung bin ich schon krass zufrieden.

Du hast also nicht den großen Masterplan, wo alles geklärt ist, wann was passieren soll?

Man hat schon so seine Meilensteine, die man sich selber setzt. Ich habe schon relativ früh aufmerksam die Deutschrap-Szene verfolgt – das war halt das, was ich so konsumiert habe – und wenn man dann merkt, dass man da selber langsam anfängt, in diesen Kosmos reinzuwachsen gibt es schon so ein paar Dinger, wo man denkt „das wäre der nächste krasse Schritt“. Aber ich würde nicht sagen, dass wir uns jetzt hinsetzen und anfangen, nen Plan zu entwickeln, was wir machen müssen, damit das und das passiert. Wir nehmen schon das mit, wo wir denken, dass man da nicht das Gesicht verliert. Man muss sich nicht zum Affen machen, damit man Reichweite erzielt, aber alles, was sich organisch entwickelt, nehmen wir mit. Hätte ich jetzt nicht so prophezeit, ist aber geil, dass das so gekommen ist.

Kommen wir nochmal zum Thema Graffiti zurück. Wie denkst du über die aktuelle Szene, bzw. den Graffiti Hype, der aktuell so ein bisschen herrscht? Die Berlin Kidz, die medial ja ziemlich präsent sind, sind da auch so ein Thema.

Das hat alles seine Sonnen- und Schattenseiten, denk ich. Wenn man so Leute wie Berlin Kidz nimmt, dann kann man wenig Schlechtes drüber sagen, weil das nen Hype auslöst, den man auch mitfeiern kann. Da stimmt die Qualität und die Aufmachung. Man merkt, da wird sich wirklich was überlegt und nicht nur irgendeine Scheiße irgendwo hin geklatscht und noch ne dumme Meinung darunter gelabert. Aber wenn man so den kompletten Hype im Graffiti nimmt, bin ich davon kein großer Fan. Es bringt zwar auch ne Menge coole Sachen mit sich, aber eben auch ne Menge Scheiße, also Sachen, die man nicht cool finden muss. Gerade als Berliner hat man viele Anhaltspunkte, die Sachen nicht so zu feiern. Ich will meine Meinung da auch gar nicht so als eine Wichtige plakativ dahinstellen, ich bin ja jetzt auch nicht der Graffiti Messias. Aber ich denke, du verstehst, was ich meine. Wenn die Qualität stimmt, feier ich jeden Hype, der entsteht. Aber was das teilweise mit sich bringt… wenn z.B. solche Sachen im Fernsehen diskutiert werden oder die Reichweite im Internet. Wenn man sich mal anguckt, was für Klickzahlen Videos mittlerweile haben können, wenn die Aufmachung passt. Man kann das feiern, aber auch im nächsten Moment mit dem Kopf schütteln und sich denken „ok man scheiße, das wird jetzt nochmal mehr Leute animieren, zu uns nach Berlin zu kommen, weil hier so viel geht“. Das macht uns alles kaputt.

Ja, das ist ja meistens so, dass die Qualität von Dingen, die plötzlich groß werden und die Aufmerksamkeit des Mainstreams bekommen leidet.

Ich bin auch der Meinung, dass Berlin jahre- und jahrzehntelang für den Style und die Attitüde der Szene gefeiert worden. Gerade die beiden Kriterien sind in Berlin aktuell hart am abkacken.

Jetzt kommen wir mal zu dem Thema Turnschuhe! Nenn mir doch mal deine Top 5 Sneaker of all time!

Presto, Presto, Presto! (lacht)

Stimmt, in dem einen Track erwähnst du ja auch deine Prestos! (lacht)

Also ich bin kein krasser Sneakerhead, das muss ich hier mal vorwegnehmen. Also safe Presto. Das ist der Schuh, den ich auf jeden Fall am meisten trage und über die Jahre gekauft habe. Was trägt man noch so…. wir haben früher so die normalen Air Max getragen, die Air Max 1. Ansonsten der schwarze adidas Ultraboost, der ist auf jeden Fall nice. Und der 97er geht fit. Das liest sich jetzt wahrscheinlich scheisse, so als „Greatest of all Time“.

Nee, easy. Du sagst ja selber, du bist kein Sneakerhead. Also alles cool.

Ansonsten der Off White x Presto, aber das zählt schon wieder gar nicht, oder? Den hätte ich mir auf jeden Fall gerne gekauft, aber dafür bin ich nicht krass genug in dieser Sneakerwelt drin. (lacht) Sich überhaupt Gedanken machen zu müssen, ob man den Schuh kaufen kann. Dazu kommt, dass ich ne 47 1/3 trage, da bekommt man eh kaum Schuhe, da ist man nicht prädestiniert dafür, Schuhe zu sammeln.

Was denkst du über diese BVG Geschichte mit adidas?

Wir haben gerade mit David drüber gesprochen. Ich dachte, man kann da mal vorsichtig nachhorchen aber ich habe schon mit der Antwort gerechnet, die dann kam. (lacht)
Ist ein cooles Ding. Ich feier die Kollabo auch eurer Reichweite wegen, ist ja für euch auch wieder ein geiler Schritt.

Wir sind in dem Fall aber auch nur der Händler und verkaufen die Schuhe nur.

Aber alleinstehender Händler, wie ich das so mitbekommen habe!?

Ja, zusammen mit dem Originals Store.

Ja, aber der ist ja quasi von adidas selbst. Finde ich auf jeden Fall schon krass. Und den Effekt drumherum feier ich, das U-Bahn Muster ist geil. Aber ich hab’s auch schon zu David gesagt: ich würde mich beim besten Willen nicht vor den Laden setzen. Bei aller Toleranz für die Geschichte.

Wie ist denn so überhaupt dein Bezug zu Overkill? Du kennst ja den David aus unserer Graffiti-Abteilung. Hast du sonst noch spezielle Connections zu dem Laden? Vielleicht sogar ein paar Anekdoten?

Anekdoten? Wahrscheinlich zu viele. Es war tatsächlich mein erster Dosenladen. Mein bester Freund von damals hatte nen älterer Bruder, der gesprüht hat. Der hatte Menge Struggle wegen Graffiti und war ne zeitlang weg und dann lagen da so seine Marker rum und so’n Scheiß. Dann haben wir angefangen, die Marker leer zu taggen und dann brauchste halt auch neue. Und dann hat er mir quasi den Laden gezeigt, wo sein großer Bruder immer Dosen holen war. Das war voll mystisch für uns. Wir waren so 11 oder 12, sind so durch Kreuzberg gekrepelt und standen dann irgendwann am Schlesi vorm Laden und haben uns mies gefeiert. Da hattet ihr auch noch rechts dieses Kabuff, den realen Dosenladen. Und wenn du dann mal länger da warst, gingen so die richtigen Geschichten über den Ladentisch. Es war zwar nicht so einladend zum Chillen, aber wenn du als kleiner Bengel hartnäckig warst, konntest du schon so ein bisschen was aufschnappen. Ich habe dann so mit 14 Mike kennengelernt – der arbeitet nicht mehr bei euch -, der bei euch ne Ausbildung gemacht hat. Der hat auch gesprüht und da ist dann nebenbei auch so ne private Freundschaft entstanden. So war dann auch immer ne kleine Bindung zu Overkill. In Berlin lässt sich das nicht vermeiden, auch mal woanders Dosen zu kaufen, aber so längerfristig gesehen – auch so vom Image, auch wenn das manchmal von außen anders angesehen wird – hat man hier immer eine straighte und ehrliche Meinung bekommen. Man hat das Gefühl gehabt, dass der Laden immer so seine Linie gehalten hat. Ja und dann ist dann irgendwann David gekommen und ist jetzt schon seit Jahren der „Man“.

Shoutouts an David!

Genau, Shoutouts an David, wie man so schön sagt. Von daher ist eine Bindung da. Ist auf jeden Fall so, dass das der erste Laden in Berlin ist.

Was können wir denn so in der Zukunft von dir erwarten?

Von mir erwarten? Eine Menge…

Irgendetwas in der Pipeline?`

In der Pipeline ist nix, wir kündigen jetzt auf jeden Fall nichts an. Es gibt kein kommendes Projekt. Die EP war jetzt erstmal sowas wie ein Abschluss für die Arbeiten von 2017. Wir haben noch so ein paar Dinger rumliegen und sind jetzt am Schauen, wie wir das nächste Projekt angehen. So in ein, zwei Wochen werden wir uns damit befassen, wie wir weitermachen. Wir schießen jetzt noch ein Video zu einem Track von der EP hinterher, so als Ausläufer, weil wir auch viele Live Sequenzen gesammelt haben, so über das Ende des letzten Jahres.

Die Releaseparty im Musik und Frieden soll auch recht heftig gewesen sein!?

Auf jeden, war geil. Wir hatten ein paar Wochen davor auch schon was im Musik & Frieden, so als kleinen Vortester. Da haben wir das auch für die Releaseparty connected und die war richtig Abriss. Ging gut ab, Moshpits as fuck.

Ok cool, von meiner Seite aus war es das. Hast du noch etwas, was du unbedingt loswerden möchtest?

Nee man, nicht wirklich. Shoutout an Overkill! Vielen Dank für das Interview!

Ich habe zu danken.